
Ich bin nicht meine Mutter!
Manchmal braucht es eine klare Trennung, um wieder in Verbindung zu kommen.
Nicht für alle Menschen ist die Herkunftsfamilie ein sicherer Ort. Oft ist gerade die eigene Familie mit vielen Themen verbunden, die belasten. Schwierige Verhältnisse zwischen Kindern und Eltern und auch deren Eltern prägen und werden oft lange bis ins Erwachseneleben mitgetragen.
„Ich bin nicht meine Mutter!“
„Ich bin nicht mein Vater!“
Hinter diesen Worten steht eine Geschichte. Eine Geschichte, die schmerzhaft sein kann und die dazu geführt hat, dass wir uns von unserer Mutter / unserem Vater abgrenzen mussten.
Gerade wenn Rollen in der Familie nicht klar waren, wenn Übergriffe stattgefunden haben, körperlich oder emotional, oder wenn wir als Kind Dinge getragen haben, die eigentlich nicht unsere Verantwortung waren.
Dann braucht es manchmal eine klare Trennung, um wieder in Verbindung zu kommen.
Wir alle tragen Erwartungshaltungen in uns. Gegenüber unserer Mutter, unserem Vater, unseren Geschwistern, unserem Partner oder unserer Partnerin und auch gegenüber Freundinnen und Freunden. Das ist menschlich und ganz normal.
Doch was ist, wenn diese Erwartungen uns zurückhalten? Was ist, wenn sie uns daran hindern, wirklich in unsere eigene Kraft zu kommen? Was ist, wenn ein Teil von uns noch immer darauf wartet, dass Mutter oder Vater uns etwas geben, was wir als Kind gebraucht hätten?
Zum Beispiel Liebe, Anerkennung, Verständnis, gesehen und gehört werden oder dazuzugehören.
Wenn diese Bedürfnisse von den Eltern nicht wahrgenommen werden oder keine Antwort finden, können Glaubenssätze entstehen wie:
Ich bin hier nicht sicher!
Ich werde nicht gesehen und nicht gehört!`
Ich bin alleine!
Ich gehöre nicht dazu!
Glaubenssätze die zu einer inneren Abgrenzung führen können:
„Ich bin nicht meine Mutter!
„Ich bin nicht mein Vater!“
Was sehr entlastend sein kann, ist, die Eltern bewusst aus ihren Rollen als Mutter oder Vater zu entlassen. Für diesen Prozess sind die Eltern nicht physisch anwesend. Damit tun wir nichts, was einem der Elternteile Schaden könnte. Es geht weder um Verurteilung noch um Bestrafung. Und es geht auch nicht darum, gutzuheissen, was geschehen ist. Sondern dieses Entlassen aus den Rollen Mutter oder Vater, trägt dazu bei, dass eine Klärung und Entlastung im Familiensystem möglich wird. Dabei werden die eigenen Erwartungen gegenüber der Mutter oder dem Vater sichtbar: Erwartungen, die wir vielleicht seit unserer Kindheit mit uns tragen und auch solche, die später im Erwachsenenleben dazugekommen sind.
Mit der ECHO-Methode schauen wir diese Erwartungen in einem geschützten Raum an. Dabei können die Teile sichtbar werden, die emotional noch an Situationen aus der Vergangenheit gebunden sind. Wir holen sie Schritt für Schritt zurück, aus den Erinnerungen und zurück zur Person, zurück nach Hause.
Das kann für die Person, die sich diesem Prozess stellt, entlastend und befreiend sein. Wenn sich dadurch die eigene Haltung und die Art der Begegnung verändern, kann sich dies auch auf das Erleben von Beziehung und Familie auswirken.
Es ist dann nicht mehr nur das Kind, das etwas erwartet. Und nicht mehr nur die Mutter oder der Vater, die oder der etwas erfüllen muss. Die alten Rollen und die damit verbundenen Erwartungen müssen nicht länger alles bestimmen. Durch diesen Prozess des Entlassens kann eine Begegnung von Mensch zu Mensch möglich werden.
Von Frau zu Frau
Mann zu Mann
Frau zu Mann
Mann zu Frau
Nicht zu vergessen: Auch unsere Eltern haben Geschichten mit ihren Eltern. Vieles wird über Generationen weitergetragen. Es sind Muster, die vielleicht schon bei der Grossmutter, dem Grossvater oder noch früher wirksam waren und deshalb in der eigenen Familienkonstellation weiterhin spürbar sind.
Dadurch kann sich der Blick auf die mütterliche oder väterliche Linie verändern. Es gibt nicht nur die eine Mutter oder den einen Vater und die persönliche Geschichte mit ihnen. Vor ihnen waren weitere Menschen: Grossmütter, Grossväter, Urgrossmütter und Urgrossväter, Menschen mit eigenen Geschichten, Stärken, Verlusten und Überlebensstrategien.
Mit diesem Blick kann ein neues Gefühl von Zugehörigkeit entstehen. Vielleicht wird spürbar, dass es in der eigenen Familienlinie auch Menschen gegeben haben könnte, die einem ähnlicher waren. Menschen, deren Mut, Eigenständigkeit oder Lebensweg innerlich berührt. Menschen, mit denen sich eine Verbundenheit zeigen kann, auch wenn wir sie nie kennengelernt haben.
Das Bewusstsein, Teil einer grösseren Linie zu sein, stärkt und erinnert uns daran:
Wir sind nicht alleine.
Das Entlassen eigener Erwartungen an Mutter oder Vater kann einen Raum für Freiheit und Frieden öffnen. Wir lösen uns nicht von unserer Geschichte. Aber wir lösen uns Stück für Stück aus den Bindungen, die uns klein halten oder daran hindern, unser eigenes Leben zu leben.
So kann die eigene Kraft zurückkommen. Wir werden freier von dem, was andere von uns erwarten. Und wir werden freier von dem, was wir noch immer von ihnen erwarten.
Wir dürfen unseren eigenen Platz einnehmen – verbunden mit unserer Geschichte, aber nicht länger von ihr bestimmt.
Herzlich
Susanne