Sichtbarkeit und die Spuren unserer Geschichte

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Im Aussen wächst und reift die Natur gerade in ihre volle Grösse, sie nimmt sich Raum und zeigt uns ihren Reichtum.

Der Natur würde nie einfallen, sich zu hinterfragen, ob sie zu üppig, zu gross, zu laut oder zu bunt ist, sie ist einfach, wie sie ist, und sie lädt uns ein, es ihr in unserem Leben gleichzutun.

Es gibt Menschen, die geniessen es, sichtbar zu sein, für sehr viele Menschen ist das aber gar nicht so einfach. Gründe können sein, dass sie klein gemacht und abgewertet wurden und dass es in der Herkunftsfamilie, in der Schule oder in der Gesellschaft nicht erwünscht war, üppig, gross, laut und bunt zu sein.

Es kann aber auch sein, dass Menschen keine wirklichen Gründe aus ihrem Leben kennen, die erklären könnten, dass sie Mühe haben, in ihre Sichtbarkeit zu gehen. Dass ihr Körper in solchen Situationen reagiert mit Angst, Panik, Zittern und sie es nicht einordnen können. In diesem Fall zeigen sich epigenetische Muster, die ihren Ursprung in früheren Generationen haben, in einer Zeit, in der Sichtbarkeit gefährlich war und oft schwerwiegende Folgen hatte. Wenn früher Menschen ihre Stimme erhoben und für etwas eingestanden sind, wurde das oft bestraft, nicht selten sogar mit dem Tod.

Ein anderer Aspekt von Sichtbarkeit ist die Erfahrung, im Arbeits- oder Beziehungsalltag übersehen zu werden. Diese Personen zeigen und äussern sich, werden aber trotzdem nicht gesehen, nicht gehört und werden übergangen. Es ist, als würden sie nicht wirklich wahrgenommen. Sie stossen nicht auf Resonanz. Sie werden zum Beispiel bei Beförderungen oder im Beziehungssystem vergessen, übergangen und stossen nicht auf Resonanz. Auch hier liegt der Ursprung oft weit zurück und zeigt sich als epigenetisches Muster, das über Generationen hinweg weitergegeben wurde.

Sichtbarkeit ist ein umfangreiches Thema, dem ich immer wieder in meiner Arbeit begegne und das ich auch aus meiner eigenen Biografie sehr gut kenne. Es ist ein Thema, dem ich mehrheitlich bei Frauen begegne und das ich gerne etwas näher beleuchten möchte.

Was sind also die Gründe dafür, dass es uns Frauen so viel schwerer fällt, uns zu zeigen, zu sagen, was wir wirklich denken und unseren Raum einfach einzunehmen. Seit ich mit der Echo Methode arbeite, bin ich mir dieser Gründe bewusst und werde in meiner Arbeit auch immer wieder bestätigt, dass diese mit unserer Geschichte zu tun haben, wie Frauen über eine sehr lange Zeit zu leben hatten. Wir Frauen hatten über sehr viele Jahre hauptsächlich Pflichten, wie Söhne zu gebären, uns um den Haushalt zu kümmern und uns ruhig, angepasst und kultiviert zu verhalten. Wir wurden über eine lange Zeit als Ware gehandelt, indem wir verheiratet wurden, sodass durch die Heirat zum Beispiel Bündnisse zwischen Familien geschlossen werden konnten, die für beide Seiten profitabel waren. Unsere Rolle war es, im Hintergrund zu agieren. Unser Platz war nicht in der Öffentlichkeit, das wurde Frauen über eine lange Zeit nicht zugetraut. Das Ganze ist noch nicht allzu lange her.

Ich habe Jahrgang 1967 und gehöre zur ersten Generation von Frauen, die selbst bestimmen können, ob sie heiraten möchten, ob sie Kinder kriegen möchten und auch welchen Beruf sie wählen möchten. Die Generation vor mir war da noch nicht so frei. Was Frauen gesellschaftlich zustand und was nicht, was in der Gesellschaft geduldet wurde und was nicht. All das, was Frauen widerfahren ist und nicht verarbeitet werden konnte, wurde als epigenetische Muster über Generationen weitergegeben, und diese wirken immer noch in unserem Körper und Nervensystem.

In früheren Zeiten war es nicht angebracht, seine Meinung offen zu sagen. Es war nicht angebracht, laut zu sein. Es war nicht angebracht, anderen, vor allem Männern, zu widersprechen. Frauen waren zum Dienen da, wurden übergangen, oft nicht wertgeschätzt, nicht gesehen, nicht gehört und nicht wahrgenommen. Sie agierten im Hintergrund und wurden als selbstverständlich genommen. Das war hart, traurig und hat in unseren Linien, sowohl bei Frauen als auch bei Männern, Spuren hinterlassen. Die Epigenetik erforscht, wie weitergegebene Erfahrungen auch heute noch in Körper und Nervensystem wirken können. Erlebbar ist das, wenn du in irgendeiner Form an die Öffentlichkeit gehen musst, zum Beispiel eine Rede oder einen Vortrag hältst oder mit deiner Webseite zu deiner Selbstständigkeit, deinem Unternehmen nach aussen gehst und dann alle Augen auf dich gerichtet sind. In solchen Momenten kannst du in Panik geraten, Schweisshände bekommen und die Worte nicht mehr finden, obwohl es in unserer Zeit völlig in Ordnung ist, als Frau vor Menschen zu sprechen.

Vielleicht kennst du auch das Gefühl, ständig vorsichtig sein zu müssen. Du spürst eine unterschwellige Angst vor Verlust oder Kontrollverlust. Du hältst dich zurück, obwohl du mehr willst oder könntest. Du stellst dich hinten an, auch dann, wenn es eigentlich um dich geht. All das können Muster sein, die mit deinem jetzigen Leben wenig zu tun haben, sondern ihren Ursprung in früheren Generationen haben.

Das Gute ist, es ist also nicht deine Schuld, es sind einfach Muster, die du noch mit dir trägst, und diese Muster können wir neutralisieren, damit sich das Thema Sichtbarkeit von den stressenden Faktoren befreit. Dadurch öffnet sich ein Raum, in dem es sicher ist und in Ordnung, dich so zu zeigen, wie du bist, wenn du möchtest, sogar üppig, gross, laut und bunt.

Herzlich

Susanne